SNF-Förderungsprofessur

SIBA - Visuelle Zugänge zur vergleichenden Lebensweltforschung in Jugoslawien und in der Türkei, 1920er und 1930er Jahre

Seit Sommer 2013 erforscht das SIBA-Team um SNF-Förderungsprofessorin Nataša Mišković den Alltag ehemals osmanischer Städte in den 1920er und 1930er Jahren. Im Mittelpunkt stehen nicht schriftliche Quellen, sondern Pressefotografien aus den Archiven der grossen Tageszeitungen Jugoslawiens und der Türkei. Seit Mitte der zwanziger Jahre leisteten sich die Istanbuler "Cumhuriyet", "Akşam" wie auch die Belgrader "Politika" oder "Vreme" erstmals festangestellte Fotoreporter, die mit grossem Enthusiasmus das Potential des neuen Mediums Pressefotografie ausloteten. Es entstanden dynamische Bilder einer ebenso dynamischen Zeit, die Auskunft geben über lokale Besonderheiten und übergreifende Gemeinsamkeiten.

Fotografien eröffnen einen unmittelbaren Zugang zur Vergangenheit. Ein interessantes Bild fesselt den Blick und zieht den Betrachter, die Betrachterin gleichsam hinein in eine andere Zeit. Doch die historische Arbeit mit Bildern ist eine grosse Herausforderung. Was genau zeigt eine Fotografie? Wann wurde sie geschossen? Weshalb und für wen? Und wer drückte wohl den Auslöser?  Mehr über die Entstehungsgeschichte von Fotografien zu erfahren, ist eine schwierige und zeitintensive Aufgabe, die viel Recherche und Expertenwissen erfordert. Genaue, wohlinformierte Antworten auf obige Fragen sind jedoch unabdingbar, damit die historische Arbeit mit Fotografien überhaupt beginnen kann.

Um die aus zahlreichen Archiven, Museen und privaten Kollektionen in der Türkei, Serbien und Bosnien und Herzegowina zusammengetragenen Fotografien korrekt deuten zu können, hat das SIBA-Team grossen Aufwand betrieben. Von besonderer Bedeutung ist die enge Zusammenarbeit mit Spezialisten vor Ort. Cengiz Kahraman, Leiter des Fotografiemuseums Istanbul, und Prof. Dr. Mehmed A. Akšamija, Professor für Fotografie an der Kunstakademie Sarajevo, haben unsere Initiative mit Begeisterung aufgenommen und stehen uns als wichtige Berater zur Seite. Beide leiden in ihrer eigenen Arbeit unter dem Mangel an finanzieller und institutioneller Unterstützung und Wertschätzung für die Bewahrung des visuellen Erbes in ihren Ländern.

Wie erwartet zeugen die Fotografien aus den vier untersuchten Städten Sarajevo, Istanbul, Belgrad und Ankara (SIBA) vom halben Jahrtausend gemeinsamer osmanischer Vergangenheit — doch viel mehr noch sprechen sie vom Zeitgeist des frühen 20. Jahrhunderts. Neben altehrwürdigen Moscheen werden moderne Abwasserröhren in den Boden verlegt, auf den frisch gepflasterten Strassen fahren Autos und elektrisch betriebene Trams, traditionell gekleidete Bäuerinnen verkaufen ihre Produkte im neu eröffneten Marktkomplex, der den neuesten hygienischen Standards der Zeit entspricht. Das jugoslawische Königreich zelebriert die junge Nation mit Sport, Musik und Tanz am grossen panslawischen Soko-Treffen in Belgrad 1930, während die Türkei die Nation am Tag der Republik mit Militärparaden, Schulumzügen und Sportmanifestationen feiert. All das wird dokumentiert von rasenden Reportern wie Selahattin Giz, Svetozar Grdijan, Namık Görgüç, Raka Ruben oder Aca Simić — letzterer bevorzugt unterwegs in seinem Motorrad mit Seitenwagen, im damaligen Belgrad eine Sensation.

Im September 2017 fand die grosse Abschlusskonferenz "Cities on the Move: Turkey and Yugoslavia in the Interwar Period" statt, gefolgt von der Vernissage der Wanderausstellung "Cities on the Move - Post-Ostoman: Ankara, Belgrad, Istanbul and Sarajevo Through Press Photographer's Lens, 1920s and 1930s" [mehr unter Anlässe und Ausstellungen].

 

 

Das Projekt wird vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert (Laufzeit 1.8.2013–31.7.2018).